Eine Heilmethode im Fluss

Von Oliver Klatt

Die Geschichte des Reiki ist voller Legenden nicht zuletzt deshalb, weil sie für lange Zeit nur in mündlicher Form vom Lehrer an den Schüler weitergegeben wurde. So ergibt sich die Situation, dass, obwohl das Usui-System des Reiki erst rund 80 Jahre alt ist, die Anfänge dieser Heilmethode nach wie vor im Dunkeln liegen. Was wir jedoch wissen ist, in welcher Weise Reiki weltweit Verbreitung fand und welche Formen es mit der Zeit angenommen hat.

Als ich vor zehn Jahren, im Februar 1994, meine Einweihung in den 1. Reiki-Grad erhielt, wurde mir die Geschichte des Usui-Systems des Reiki in der üblichen, legendenhaften Form erzählt. Ich erhielt einen groben Überblick über das Wirken von Mikao Usui, dem Begründer des Systems, und ich erfuhr, welchen Weg dieses System bei seiner Verbreitung in der Welt genommen hat. In der Zwischenzeit sind neue Informationen über Mikao Usui und seine Nachfolger bekannt geworden, die es nun erlauben, die Geschichte in einem anderen Licht zu sehen.

Mittlerweile bin ich selbst als Reiki-Meister tätig und habe mich ausführlich mit den neu entdeckten Sachverhalten auseinandergesetzt. Dabei habe ich Einiges an Informationen erhalten, was mir zu interessanten Einsichten verholfen hat. Die Art und Weise, wie ich die Geschichte in meinen Reiki-Seminaren erzähle, hat sich jedoch kaum verändert, von ganz wenigen Punkten abgesehen, in denen die historischen Tatsachen dem Legendenhaften eindeutig widersprechen.
Wenn ich die Geschichte im Seminar erzähle, dann geht es dabei für mich in erster Linie nicht um die Weitergabe von Informationen, sondern vor allem darum, dafür zu sorgen, dass die Seminarteilnehmer ein Gefühl für das Wesen von Reiki erhalten. Und genau dazu ist die Geschichte in ihrer legendenhaften Form wunderbar geeignet. Wer später mehr wissen will, findet entsprechende Informationen z. B. in Artikeln wie diesem.

Nach allem was wir heute wissen, war die Geburtstunde des Usui-Systems des Reiki, als Mikao Usui eine erleuchtende Erfahrung auf dem heiligen japanischen Berg Kurama hatte. Dabei wurde ihm das Wissen von Reiki zuteil, das er daraufhin an Tausende von Menschen in Japan weitergab. Dies geschah und geschieht auch heute noch in Form von Einweihungen, die die Menschen in die Lage versetzen, sich selbst und Anderen universelle Lebensenergie per Handauflegen zu übermitteln.

Nach Usuis Tod im Jahre 1926 gab es eine Handvoll Menschen, die von ihm in den Lehrergrad eingeweiht worden waren. Einige davon führten sein Werk fort, darunter eine Gruppe japanischer Offiziere, die die "Usui Reiki Ryoho Gakkai" bildeten. Diese Organisation ist bis heute in Tokyo ansässig. Der überwiegende Teil der neuen Informationen, die in letzter Zeit über das Wirken Usuis veröffentlicht wurden, stammt aus Quellen, die mit dieser Organisation in Verbindung stehen oder standen. Dabei spielen zwei Personen eine zentrale Rolle: der deutsche Reiki-Lehrer Frank Arjava Petter und der japanische Reiki-Lehrer Hiroshi Doi. Ersterer hatte in den 1990er Jahren, als er in Japan lebte, eine Kopie des Handbuchs erhalten, das Mikao Usui für seine Schüler erstellt hatte und das sich bis heute im Besitz der "Usui Reiki Ryoho Gakkai" befindet. Dieses Handbuch wurde von Frank Arjava Petter zunächst im deutschsprachigen Raum veröffentlicht, in mehreren Bänden, danach folgten Übersetzungen in rd. 20 Sprachen.

In jüngerer Zeit macht der japanische Reiki-Lehrer Hiroshi Doi von sich reden. Ihm ist es gelungen, Mitglied des äußeren Kreises der schwer zugänglichen "Usui Reiki Ryoho Gakkai" zu werden. So erhielt er Einblick in weitere Informationen über das Wirken Mikao Usuis, die er seitdem in Büchern und Artikeln veröffentlicht. Hiroshi Doi entwickelte auch eine neue Reiki-Methode, die er "Gendai Reiki Ho" nennt; diese beruht zur Hälfte auf dem traditionellen System nach Usui und zur anderen Hälfte auf Weiterentwicklungen seinerseits. Dabei handelt es sich, in den Worten Hiroshi Dois, um eine "neue, für moderne Menschen nützliche Methode, Reiki zu praktizieren".

Neben den Mitgliedern der "Usui Reiki Ryoho Gakkai" gab es weitere Schüler Mikao Usuis, die sein Vermächtnis fortführten, darunter Dr. Hayashi, der eine Schlüsselstellung einnimmt, was die spätere Verbreitung des Usui-Systems des Reiki in der Welt angeht. Als Arzt hatte Dr. Hayashi eine gänzlich andere Herangehensweise an Reiki; darin war er wohl auch von Usui zu dessen Lebzeiten unterstützt worden. Dr. Hayashi eröffnete nach dem Tode Usuis eine Reiki-Klinik in Tokyo. Er erstellte ein Handbuch mit detaillierten Angaben zu Handpositionen, zur Behandlung aller Arten von Krankheiten. Zu seinen Schülern gehörten zahlreiche Mitglieder der oberen Gesellschaftsschicht Japans.

Nach dem Tode Dr. Hayashis im Jahr 1940 gab es eine Handvoll Menschen, die von ihm in den Lehrergrad eingeweiht worden waren. Davon sind zwei Personen für die weitere Verbreitung des Usui-Systems des Reiki von besonderer Bedeutung: Hawayo Takata und der Ehrwürdige Takeuchi. Letzterer war wohl der Abt eines kleinen, abgelegenen Zen-Tempels. Er soll von Dr. Hayashi u.a. eine Reihe von Meditationen übermittelt bekommen haben, von denen gesagt wird, dass es jene seien, die Usui auf dem Berg Kurama praktiziert habe. Der Ehrwürdige Takeuchi gab sein Wissen u.a. an Seiji Takamori weiter, über den diese Linie des Reiki schließlich in den Westen gelangte.
Man sagt, Seiji Takamori sei auf seinen Reisen durch die USA in den frühen 1970er Jahren auch mit Hawayo Takata zusammengetroffen. In den 1990er Jahren übermittelte er diese Linie des Reiki sowie zusätzliche Lehren, die auf seinem Studium des Vajrayana-Yoga beruhten (worin er Parallelen zu den Reiki-Techniken erkannt hatte), an Dr. Ranga Premaratna. Nachdem dieser die ihm übergebene Lehre jahrelang erforscht und praktiziert hatte, begann er, sie unter dem Namen "Reiki Jin Kei Do" zu verbreiten.

Die zentrale Rolle für die Verbreitung des Usui-Systems des Reiki in der Welt sollte jedoch eine andere Person spielen, nämlich Hawayo Takata. Über sie, die von Dr. Hayashi zu seiner Nachfolgerin ernannt worden war, nahm das Usui-System einen völlig anderen Weg: Sie, und später ihre Enkelin und Nachfolgerin Phyllis Furumoto, brachten die ihr übermittelte Praxis und Lehre in eine Form, die ihrer äußeren Erscheinung nach immer einfacher und damit volkstümlicher wurde. So entwickelte sich das Usui-System des Reiki zu einer weltweit verbreiteten Heilmethode, die mit den Jahren zunehmend an Popularität gewinnen sollte. Während eines Zeitraums von 30 Jahren lehrte Hawayo Takata ausschließlich den 1. und 2. Grad des Usui-Systems, vor allem auf ihrer Heimatinsel Hawaii, in den USA sowie in Kanada. Erst zu Anfang der 1970er Jahre begann sie damit, Meister auszubilden. Bei ihrem Tod im Jahre 1980 gab es 22 von ihr eingeweihte Meister, von denen die Mehrzahl Takatas Enkelin Phyllis Furumoto als deren Nachfolgerin anerkannte.

Da sich eine weitere von Takata eingeweihte Meisterin, Dr. Barbara Ray, ebenfalls als Nachfolgerin Takatas sah, kam es zu einer Spaltung dieser Reiki-Linie. Einerseits gründeten nun einige von Takata sowie einige von Phyllis Furumoto eingeweihte Meister eine Vereinigung, "The Reiki Alliance", mit dem Ziel, sich gegenseitig zu unterstützen in der Praxis des "Usui Shiki Ryoho" (so der Name dieser Reiki-Linie, die auf Dr. Hayashi zurückgeht). Andererseits ging Dr. Barbara Ray, die sich als den einzigen Mensch betrachtete, dem Takata das ihr von Dr. Hayashi übermittelte Reiki-System in seiner Ganzheit anvertraut hatte, nunmehr eigene Wege: Sie gründete die "The Reiki Association" und lehrte fortan, wie sie es nannte, das authentische Reiki. Mit den Jahren kam es aber auch zu Veränderungen in diesem System, und mittlerweile versteht Dr. Barbara Ray ihre Lehre nicht mehr als eine Form des Usui-Systems des Reiki, sondern benennt sie mit dem Begriff "Die Radiance Technik". Dennoch gibt es von ihr ausgebildete Lehrer, so z. B. die deutsche Reiki-Lehrerin Barbara Simonsohn, deren Wege sich von denen Dr. Rays getrennt haben und die weiterhin dieses System unter dem Namen "Authentisches Reiki" lehren.

Bei der weltweiten Verbreitung des Usui-Systems des Reiki spielte schließlich Phyllis Furumoto, die Enkelin von Hawayo Takata, eine entscheidende Rolle. Sie wurde von einer Mehrheit der weltweit Reiki-Praktizierenden als Führungsperson angesehen. Als sie im Jahr 1988 auf der damaligen Konferenz von "The Reiki Alliance" ihre Gedanken darüber mitteilte, dass sie nicht die einzige Person sein könne, die im "Usui Shiki Ryoho" Meister einweihe, kam damit ein Stein ins Rollen, der bald zu einer Lawine anwachsen sollte. Von diesem Zeitpunkt an begannen zahlreiche Meister, häufig in guter Absicht, jedoch ohne ausreichende Erfahrung, bereits kurz nach ihrer Meistereinweihung wiederum neue Meister einzuweihen. Dies führte in den Augen Vieler über die Jahre zu einer Verwässerung des Usui-Systems, was in der Vergangenheit bereits zu zahlreichen Streitigkeiten unter Reiki-Meistern verschiedener Stile geführt hat.

Durch diese Vorkommnisse wurde jedoch auch eine Tür aufgestoßen zu einer Entwicklung, die völlig neue Formen der Heilmethode Reiki mit sich brachte. So kam es in der Folge zu zahlreichen Weiterentwicklungen, meist auf der Basis des "Usui Shiki Ryoho", u.a. von Walter Lübeck, der von Brigitte Müller, einer Schülerin von Phyllis Furumoto, zum Meister eingeweiht worden war. Dieser entwickelte mit der Zeit eine ganz eigene Form des Reiki, die er "Rainbow Reiki" nannte und die sich bis heute recht erfolgreich in der Welt verbreitet hat. Dieser Reiki-Stil besteht, in den Worten Walter Lübecks, "zu 20 Prozent aus traditioneller Grundlage und zu 80 Prozent aus Eigenentwicklung". Dabei werden Verbindungen hergestellt zwischen Reiki und Schamanismus, Aura- und Chakrenarbeit, feinstofflichen Dimensionen, Pendeln, Kraftorten u.v.m.

Eine andere Form der Weiterentwicklung des Reiki, die sich jedoch ausschließlich an Reiki-Meister und -Lehrer richtet, fand der US-Amerikaner William Lee Rand mit seinem "Karuna Reiki". Rand, der sich von vier verschiedenen Reiki-Meistern in den Meistergrad einweihen ließ, entwickelte auf der Grundlage gechannelter Symbole dieses neue System, das eine Erhöhung der Schwingungsfrequenzen und eine Verstärkung der heilenden Energien verspricht.

Weiterhin entwickelte Himani H. Gerber im Umkreis des indischen Meisters Osho (vormals Bhagwan) einen neuen Reiki-Stil, der von diesem persönlich auf den Namen "Osho Neo-Reiki" getauft wurde. Dieser Reiki-Stil umfasst, neben den traditionellen Elementen, auch die Arbeit mit den Chakren, eine Einführung in die Osho Kundalini und Dynamische Meditation sowie Trainings in erweiterter Energiearbeit.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Reiki-Stile, die jedoch, was ihre Verbreitung in der Welt betrifft, meines Wissens bislang keine so große Bedeutung erlangt haben. In neuerer Zeit sind auch verschiedene Formen buddhistischen Reikis bekannt geworden, die ihre spirituelle Linie nicht auf Mikao Usui, sondern direkt auf den Buddha zurückführen. So soll es Zusammenhänge geben zwischen den im Usui-System des Reiki verwendeten Symbolen und Einweihungsritualen sowie bestimmten Schriften des Medizin Buddha, die Teil des höheren Tantra-Yoga von Naropa, dem Tantra der Geheimnisvollen Einweihungen, sind.

So ergibt sich für die gerade mal 80 Jahre, in denen sich Reiki in der Welt verbreitet, ein Bild, das vor allem eins zeigt: Veränderung. Und dies nicht nur, was die verschiedenen Formen betrifft, die das Usui-System im Laufe der Zeit angenommen hat, sondern auch was das Wirken der Hunderttausenden von Reiki-Meistern weltweit betrifft. Diese verstehen sich ja in der Mehrzahl als "freie Meister" und fühlen sich damit keiner bestimmten Form des Usui-Systems mehr zugehörig.

Alle, die das Usui-System des Reiki in welcher Form auch immer lehren oder praktizieren, teilen nach wie vor die Praxis des Handauflegens. Diese einfache Praxis hat zum Ziel, universelle Lebensenergie an sich selbst und andere zu übermitteln. Die Fähigkeit hierzu erhält man durch Einweihungen, die ein Reiki-Meister an einem vornimmt. Die Integrität der individuellen Lehre und Praxis ist nach meiner Erfahrung nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Form abhängig. Sie ergibt sich aus dem energetischen Zusammenspiel von spiritueller Linie und eigener spiritueller Ausrichtung, wobei letztere, so denke ich, von besonderer Bedeutung ist, da sie im Hier-und-Jetzt wurzelt und in die Zukunft gerichtet ist.

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